Pädagoge rät zum verantwortungsvollen Umgang mit Medien

2012-02-11 10:49 von Torsten Buncher

Wenn das Ich im Gerät verschwindet

Lippische Landeszeitung vom 11./12.02.2012

 

Diese Fragen stellen sich fast alle Eltern: Welche Art von ­Medien sind gut für mein Kind und welche schaden? Antworten hierauf gab es jetzt in der Südschule. 

 

Lemgo. Ein Erwachsener schlüpft in die Rolle eines Dreijährigen und nimmt zum ersten Mal in seinem Leben eine Zitrone in die Hand. Was passiert dabei im Gehirn des Kindes? Rollenspiele wie diese, Filmsequenzen und schauspielerische Einlagen des Medienpädagogen Wilfried Brüning zum Thema: „Faszination Bildschirm – Mit fünf habe ich meine Phantasie an Nintendo verkauft“ beeindruckten Eltern und Erzieher.

Der Fachbereich Jugend und Schule, die VHS und die Südschule hatten den brisanten Infoabend organisiert. Bundesweit setzt sich Referent Brüning in seinen provozierenden Vorträgen leidenschaftlich für einen gemäßigten Medienkonsum ein. Er sagt: Die aktuelle Hirnforschung bestätigt, dass Medien verheerende Folgen für die geistige und soziale und Entwicklung von Kindern haben können. 

Während das Kind im Rollenspiel die Zitrone fühlt, sieht, riecht und schmeckt, bilden die Neuronen in seinem Gehirn Vernetzungen. Den zuschauenden Teilnehmern in der Aula der Südschule dagegen geht es ähnlich wie einem Bildschirmnutzer: Nur der Sehnerv wird angesprochen, die anderen Sinne bleiben ungenutzt. Für das Gehirn eines Kindes, das häufig vor der Mattscheibe sitzt, bedeutet dies: Die Neuronen verkümmern und stehen für die weitere Entwicklung, die übrigens erst mit 18 Jahren abgeschlossen ist, nicht mehr zur Verfügung. „Ohne diese Vernetzungen bleiben die Gehirne unserer Kinder einfacher strukturiert – eine kümmerliche Version der eigentlichen Möglichkeiten. Lernen zu lernen wird schwieriger und immer unattraktiver“, erklärt der Familienvater Brüning. 

Woher kommt aber die ­große Faszination für die neuen Medien? Das Glückshormon Dopamin werde in großen Mengen beim Fernsehen und bei Computerspielen ausgeschüttet. Erfolgserlebnisse und die damit verbundene Anerkennung würden viel schneller erreicht als beim Hausaufgabenmachen. Gemein sei, dass die Auswirkungen erst Jahre später erkennbar werden. 

In der Schule fallen diese Kinder laut Brüning als lustlos, mutlos und mit wenig Durchhaltevermögen auf. „Wo sollen sich Kinder besser auskennen – in der realen oder virtuellen Welt?“, fragt der Referent. Kinder müssten sich in Gruppen ausprobieren können. Beim Fußballspielen an der Konsole sei nur der Seh- und Hörnerv aktiv. Beim realen Kicken ist der ganze Körper in Bewegung. Dazu kommen die Mitspieler.

Besonders schädlich sei, den Bildschirm direkt nach der Schule einzuschalten, da gerade erworbenes Wissen regelrecht überschrieben werde. „Für viele unmerklich haben wir uns in eine Informations- und Wissensgesellschaft verwandelt, in der die heutigen Eltern Pionierarbeit zu leisten haben. Wir sind die erste Generation, die ihren Erziehungsauftrag erweitern muss: Wir müssen die Zeit für den Bildschirmmedienkonsum begrenzen“, fordert Brüning.

 

Faszination Technik: Auf junge Menschen wie Lutz üben die technischen Errungenschaften der Neuzeit einen beonderen Reiz aus. Doch lauern hier auch viele Gefahren. Foto: Reineke

 

Tipps vom Experten

 

Referent Wilfried Brüning unterscheidet zwei Arten von Medien. Für bedenkenlos hält er Internetrecherchen, Hörbücher, Word, Excel und andere PC-Dienstprogrammen, das Versenden und Verfassen von E-Mails, das Nutzen von MP3-Playern sowie das Lesen von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen. Zu Medienkonsum, der begrenzt werden sollte, gehören für ihn Computer- und Konsolenspiele, DVD‘s, Fernsehen und das Chatten im Internet. (sab)

 

Experte: Medienpädagoge Wilfried Brüning.Foto: Krüger

 

 

Quelle: Lippische Landeszeitung vom 11./12.02.2012

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