Stressfalle Hausaufgaben

2009-11-04 12:30 von Torsten Buncher

Südschul-Rektor Torsten Buncher über Lust und Frust nach dem Unterricht

Hausaufgaben sind in vielen Familien ein stress- und emotionsgeladenes Thema. Doch muss das zwangsläufig so sein? Die LZ sprach mit Torsten Buncher (48), seit 2000 Leiter der Südschule.


Was sind überhaupt Sinn und Zweck von Hausaufgaben?

 

Torsten Buncher: Historisch gesehen sicherlich die Idee, ein Pflichtbewusstsein beim Kind zu erzeugen. Traditionell unterstellt und erwartet die Schule, dass durch Bearbeitung der Hausaufgaben eine außerschulische Förderung erfolgt. Aber das verändert sich. Sie dienen mehr und mehr der Vorbereitung des Unterrichts und dem Einprägen des erlernten Wissens.

 

Wie lange dürfen Hausaufgaben dauern?

 

Buncher: Das steht sogar im Hausaufgabenerlass: Nicht länger als 30 Minuten für Schülerinnen und Schüler der 1. und 2. Klasse, nicht länger als 60 Minuten für die 3. und 4. Klasse.
Spiegelt der Erlass die Realität in den Grundschulen wider oder trödeln die Kinder einfach nur, wenn es länger dauert?
Buncher: Kinder sind unterfordert, wenn sie sich gut in dem Fach auskennen und überfordert, wenn die Aufgabenstellung unklar ist. Sie trödeln möglicherweise, wenn der Biorhythmus nicht passt, also direkt nach dem Essen, oder die Ablenkung zuhause zu groß ist.


Sollen Eltern bei den Hausaufgaben helfen? Und wie?


Buncher: Sie müssen sicherlich bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes helfen, also bei strukturellen Fragen. Manchmal ist es für Kinder wichtiger, dass Mutter oder Vater in greifbarer Nähe sind. Deswegen machen Kinder oft genug am Küchentisch Hausaufgaben. Schwierigkeiten bei den Aufgaben sollen die Eltern nicht lösen. Da ist es besser, bei regelmäßigen Problemen die Lehrer anzusprechen oder das Problem zum Thema eines Elternabends zu machen. Schule kann jedoch nicht immer erwarten, dass Materialien, Ruhe und Hilfestellung in der Familie gegeben sind.


Was ist mit Musik, Fernsehen oder Nintendo am Schreibtisch?


Buncher: Das alles gehört nicht dahin, wenn Hausaufgaben dran sind.


Oft wissen Kinder nicht genau, was sie aufhaben....


Buncher: Einerseits müssen Kinder sich daran gewöhnen, die Hausaufgaben täglich aufzuschreiben, andererseits sollten Lehrerinnen und Lehrer die Aufgaben auch nicht in den letzten drei Minuten der Stunde an die Tafel schreiben. Das überfordert die Kinder.


Dürfen ältere Geschwister bei den Aufgaben helfen?


Buncher: Pädagogisch ist das sinnvoll, weil auch die Geschwister dann den Stoff noch einmal verstehen – trotz möglicher Meinungsverschiedenheiten, wer nun Recht hat: die Lehrerin oder die Schwester.


Und wenn die Kinder schnell fertig werden wollen und unleserlich schreiben?


Buncher: Grundsätzlich gilt: Was ich als Lehrkraft nicht lesen kann, ist falsch. Eine gute Handschrift ist wichtig; in den ersten Jahren sollten Eltern natürlich nachsichtig sein, damit das Kind den Spaß beim Erlernen der Schrift nicht verliert.

 

Sollen die Eltern denn die Texte in Deutsch noch einmal schreiben lassen, damit sie leserlich sind? Das Kind ist genervt und sitzt viel länger als vorgesehen bei den Hausaufgaben.


Buncher: Nicht ganz einfach, ich weiß. Genauso wichtig ist hier die Kontrolle und Würdigung durch die Lehrkräfte. Wenn sie die Hausaufgaben nicht kontrollieren, merken die Kinder das und geben sich vielleicht weniger Mühe. Dann verpufft auch die Anweisung der Mutter, dass Sätze noch einmal geschrieben werden müssen - eben weil sie in der Schule womöglich niemand sehen will. Eine gute Hilfestellung bietet in Lemgo die OGS für mehr als eine Drittel der Grundschüler. Die Kinder erledigen dort ihre Arbeiten in Ruhe und mit Unterstützung. Dann dürfen sie auch getrost um vier Uhr den Stift hinlegen.


Das Gespräch führte LZ-Mitarbeiter Axel Bürger


Man mag es kaum glauben, aber mit Hausaufgaben werden Schüler in Deutschland bereits seit rund 600 Jahren "bedacht". Zum Vergleich: Eine Schulpflicht gibt es hierzulande erst seit rund 300 Jahren. Von dem Philosophen und Pädagogen Johann Friedrich Herbart (1776-1841) ist übrigens der folgende nette Satz überliefert: "Derjenige Lehrer, welcher häusliche Aufgaben aufgibt, um sich in der Schule die Mühe zu sparen, verrechnet sich ganz; die Mühe wird ihm bald desto saurer werden." (Rei)

 

Quelle: Lippische Landeszeitung vom 04.11.200

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